Routine eingetreten

11 11 2007

Wusstet ihr, dass McDonalds bei der Eröffnung seines ersten Ladens in Beijing 60.000 Kunden hatte? – An einem Tag!
Außerdem mögen die meisten Chinesen gar keine Burger, sondern schätzen die annehme Atmosphäre der Fastfoodketten. Besonders Frauen frequentieren KFC und dergleichen, da es in traditionellen Restaurants weniger akzeptiert ist ohne männliche Begleitung zu speisen.
- Hier lacht der Konstruktivist: In China ist McDonalds ein Symbol für Muße und Privatsphäre, ein romantisches Fleckchen, dass seine Gäste fühlen lässt, Teil der globalisierten Welt zu sein. Wegen letzterer Punkte besonders beliebt bei der neuen Mittelklasse und Touristen vom Land.
Dieser kleine „Teaser“ zu Beginn dieses Blogeintrags ist Teil meines morgigen Referats zur Fastfoodkultur in Beijing. Ihr seht also, ich beschäftige mich hier mit den ganz großen Fragen der Gegenwart.

Seit meinem letzten Eintrag sind nicht nur fast alle Blätter von den Bäumen gefallen, sondern es ist auch mehr als mein halbes Semester verstrichen und es gibt dementsprechend einiges zu berichten.

Anfang Oktober hatte ganz China eine Woche Ferien. Dieser Satz klingt harmlos ist aber Ausdruck der größten Völkerwanderung seit Menschengedenken – und ich mittendrin. Mit einer Mitstudentin habe ich ein paar Tage vor Ferienbeginn eine geführte Rundreise durch die Provinz „Sichuan“ gebucht. Sichuan ist im Herzen Chinas und ich hatte mich dafür entschieden weil ich a) dachte, dass dort vielleicht nicht so viele Touristen hinwollen und b) weil ich bisher fast ausschließlich die Küstenmetropolen kennen lernen konnte und mal die weniger entwickelten Teile besuchen wollte.

Nach fast 40 Stunden Zugfahrt und anschließenden 11 Stunden im Bus standen wir also vor unserem Ziel. Am Eingang zum „jiu.zhai gou“ Nationalpark. Allerdings „standen“ wir zunächst wirklich mehr als alles andere, da mit uns so viele Menschen den Park besuchten, dass alle Wanderpfade Warteschlangen glichen. Im Laufe des Tages verteilten sich die Massen und gelegentlich stellte sich für einige Sekunden so etwas wie ein Naturerlebnis ein, aber den langen Anfahrtsweg mit eingerechnet war ich doch etwas enttäuscht.
Daher blieb mir nichts anderes übrig als meine Aufmerksamkeit auf die zwischenmenschliche Seite dieser Reise zu richten.

Mit Mitreisenden im Bus ließen sich ein drei Gruppen einteilen. Firma A und ihre Angestellten, Firma B und ihre Angestellten, sowie die Ausländer in Form von vier Japanischen Mädels und uns. Gleich zu Beginn gab es eine Vorstellungsrunde über das Mikrophon. (Nicht das ich dabei besonders viel verstanden hätte) Interessant ist dabei vor allem, das jeweils eine Firma eine Angestellte nach vorne schickte um anschließend, sich immerwährend wiederholend, ca. 45 Minuten über die Geschichte und Vorzüge ihrer Firma zu reden. Als krönenden Abschluss öffneten sie dann einen Koffer mit verschiedenen Produkten (Metallbecher und Zahnbürsten), die man natürlich jederzeit von ihr kaufen könne. Währenddessen fährt der Bus die Serpentinen der Himalaya-Ausläufer hinauf und die Frau neben mir kotzt seit Stunden in ihre Tüte. Anschließend läuft pseudo-tibetanische Karaoke und der Busfahrer hat entweder Liebeskummer oder derartiges Gottvertrauen, dass er selbstmörderisch über alle Spuren in die nächste Serpentine einbiegt. Vorbeiziehenden Einheimischen, die in riesigen Bastkörben auf dem Rücken, tibetanisch gekleidet, ihre Ernte durch das Abendrot nach Hause tragen, bleibt oft nur der rettende Sprung in den Graben. Der Busfahrer jauchzt vor Vergnügen. Ich komme mir vor wie in einem psychedelischen Musikvideo.
Aber, man gewöhnt sich ja an alles. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten hatte ich die Gruppe tatsächlich in mein Herz geschlossen und gemerkt, dass die chinesischen Arbeitertouristen im Bus mich zunächst alle etwas ängstlich-schüchtern behandelt haben und es an mir lag, auf sie zuzugehen. (Schließlich war ich die einzige Langnase im Bus)
In Beijing mag ich mittlerweile schon etwas kommunizieren können, aber mit anderen regionalen Dialekten kann ich bisweilen noch nichts anfangen. Als Eisbrecher fungierte dann mein Hausaufgabenheft: Während ich chinesische Schriftzeichen übte, stand in den nächsten Tagen eine kleine Menschentraube hinter mir, die anerkennend jedes Zeichen kommentierte, vorlas, oder berichtigte. Mir kam es gelegen, weil es mich motivierte fleißig zu sein und den Chinesen entsprach es ebenfalls, da sie von Natur aus gerne glotzen.

In der Tat, hat hier keiner das Bedürfnis seine Neugier, oder sein Interesse zu verstecken. Ein Beispiel: In Beijing am Bahnhof hatte ich eine Dose teuren Eiskaffe gekauft und im Zug kam es mehrfach vor, dass vorbeigehende Passanten, sogar der Schaffner, ohne Vorwarnung meine offene Dose ergriffen und sie ein paar Sekunden ausführlich studierten um sie dann billigend nickend wieder auf meinen Tisch im Gang zu stellen.

Im Weiteren erwies sich die Reise aber noch als durchaus genießbar. Die Gebirgslandschaften waren wunderschön und gegen Ende der Woche bewegten sich die ersten Millionen in Richtung Heimat und die Attraktionen waren etwas besser zu erreichen.

An der Uni ist mittlerweile eine gewisse Routine eingetreten. Der Sprachkurs ist weiterhin viel Arbeit, aber ich fühle mich nicht mehr so verloren wie zu Semesteranfang. Letzte Woche waren Midterms und ich glaube ich habe es einigermaßen bewältigen können.
Echte chinesische Freunde habe ich allerdings immer noch nicht. Allerdings haben die Studenten hier eh kaum Privatleben, was sie mit mir Teilen könnten. Der durchschnittliche chinesische Student ist eben doch ziemlich anders als alle anderen Ausländer mit denen ich hier zu tun habe: Letzten Freitag hat ein Amerikaner in seiner Wohnung eine Party gefeiert. Leider hatte er vergessen seinen Gästen eine Uhrzeit mitzuteilen. Als ich (bewusst früh) um halb zehn an seiner Wohnungstür klopfte, machten sich gerade die letzten Chinesen auf den Weg nach Hause. Anschließend saß ich eine Stunde mit dem Hausherrn und einem Italiener zwischen halbvollen Popkornschüsseln und Bierkisten. Ab halb zwölf füllte sich die Wohnung dann erneut, denn die Austauschstudenten trudelten langsam ein. Ich denke wir sind hier das, was der deutsche konservative Volksmund eine „Parallelgesellschaft“ nennt.
Übrigens, die Nachbarn von Ben dem Gastgeber revanchierten sich auf ihre Art für die nächtliche Ruhestörung. Am nächsten Tag, blieben Heizung und Elektrizität aus.

Chinesen sind auch gerne sehr direkt. Sie fragen nach meinem monatlichen Einkommen und derlei privaten Dingen. Komischerweise war allerdings bisher erst ein Chinese selber bereit mir sein eigenes Einkommen zu nennen: In Sichuan fragte ich einen alten Mann der auf dem Rücken 80 Kilo Nudelsuppen und Erfrischungsgetränke auf eine Almhütte transportierte. Für 1000 Höhenmeter bekam er 20 Yuan bzw. 2 Euro. Auch die chinesischen Touristen konnten darüber nur den Kopf schütteln, denn Einkommenstungleichheiten sind in China mittlerweile größer als in den Vereinigten Staaten. Allerdings fehlt dabei das chinesische Äquivalent zum „amerikanischen Traum“, das diesen Zustand entschuldbar machen könnte. Die kommunistische Partei kann es sich momentan eigentlich nur mit allen verderben, ich beneide sie nicht um ihren Job.

Weitere Neuigkeiten nun im zusammengefasst im Zeitraffer: Viel Stress, aber Lernkurve merklich. Wenig Entspannung, aber gelegentliche tiefe Gespräche mit meinem Zimmernachbarn, der klügste amerikanische Konservative, den ich bisher getroffen habe. Seit ein paar Tagen eine neue Brille, weil ich meine andere kaputtgesessen habe. Nun schwarzer Rand, sehe aus wie ein Webdesigner. Insgesamt das Gefühl alles zu schnell vorbei hier. Mittlerweile, ein bisschen den Plan, nach dem BA ein Jahr in China zu arbeiten, wenn ich etwas interessantes finde. Wer weiss…





dieses Land ist eigentlich ganz anders

24 09 2007

It’s Mid-Autumn Festival! Das bedeutet es gibt überall leckere kleine, runde Kuchen zu kaufen. Die genauere Bewandtnis dieser Feierlichkeiten habe ich ignoranterweise noch nicht herausgefunden, aber es scheint dem Erntedankfest recht ähnlich zu sein, da es kurz nach der Ernte stattfindet und überdies der Mond gefeiert wird. Dementsprechend heißen die leckeren Kuchen auch „Mondkuchen“. Gerade komme ich von einem Abendessen zurück, wo meine amerikanischen Mitstudenten und ich gemeinsam mit den chinesischen Studenten, die an unseren Seminaren teilnehmen den Mond betrachtet haben. (In einer versmogten Millionenstadt logischerweise kein besonders eindrucksvolles Erlebnis.)

Seit meinem letzten Bl*g-Eintrag ist aber sonst noch einiges geschehen, von dem ich in willkürlicher Reihenfolge berichten möchte. Die Seminare sind alle interessant und anspruchsvoll. Nachdem ich vor zwei Wochen mein erstes chinesisches Gedicht aufsagen durfte und auch sonst eher Faktenwissen auf Wikipedia-Niveau gelernt habe, gestalten sich meine drei neuen Seminare sehr interessant. Zweimal wöchentlich belege ich „China in Transition“, ein Kurs der sich mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen dieses Landes auseinandersetzt. Wie in den beiden anderen Veranstaltung entsteht der Charme des Seminars aber dadurch, dass die kleine Gruppe Studenten an einem runden Tisch Platz hat und überdies zur Hälfte aus „echten“ Chinesen besteht. Mindesten die Hälfte der Zeit verbringen wir mit lebhafter Diskussion.

In meinem zweiten Kurs, ein Geschichtsseminar namens „China encounters the West“ gestalten sich besagte Diskussion etwas schwieriger. Der Professor (übrigens wie Rainer P. ein Harvard erprobter Historiker) scheint sich zum Ziel gesetzt zu haben die chinesischen Studenten möglichst gezielt zu provozieren. Professor Fang bedienst sich dabei bevorzugt eines möglichst emotionalen Themas, z.b. Taiwans Unabhängigkeitsbestrebungen, um dann zunächst die amerikanische Perspektive zu erfragen. Benson, mein Mitstudent aus Colorado und Abkömmling taiwanesischer Immigranten ist daraufhin natürlich in seinem Element und kann die Jahrelange elterliche Indoktrinierung auf einen Schlag in Form eines Schwalls von pro-Taiwan Argumenten in den Raum werfen. Professor Fang ist begeistert und fordert seine Landsleute auf die Herausforderung anzunehmen und die Argumente zu entkräften. Interessanterweise haben die Chinesen nichts entgegenzusetzen. Einer nach dem anderen gelangt nach einigen Worthülsen an den Punkt an dem das „In my heart I know that Taiwan belongs to China“-Argument fällt. Dementsprechend wird einer nach dem anderen von Herrn Fang heruntergeputzt. „You are terrible!“ schmäht er seine beschämten Studenten und meint: „ Five Chinese students cannot challenge an argument of one American.“ Ich hoffe die Festland-Chinesen bereiten für diesen Mittwoch eine Revanche vor, sie hätten sie sich verdient.

Anders als die beiden bisher beschriebenen Kurse, die in einem schönen alten Backsteinhaus stattfinden, radel ich für das Seminar „China’s Environmental Policy“ zu einem super modernen Teil des Campus. Die neuen Gebäude der „Public Policy“ Fakultät glänzen wie ein Hotelfoyer und ich habe das vergnügen nun jeden Donnerstagabend zu später Stunde mit zwei Amis und vier weiteren chinesischen Doktoranden den Ausführungen Professors Qi’s zu Chinas Umweltproblemen zu lauschen. Er scheint ein äußerst gefragter Fachmann auf dem Gebiet zu sein, hat lange Jahre in Berkeley unterrichtet und ist nun Direktor des Instituts. Die dreieinhalb Stunden im schicken Seminarraum bei Dämmerlicht auf dem Institutsdach versprechen sehr ergiebig zu werden.

Meine amerikanischen Weggefährten habe ich mittlerweile alle sehr gut kennen gelernt. Sie sind alle recht ruhige Genossen, unterschiedlich aktiv aber freundlich. Ein angenehmes Umfeld. Leider spreche ich dadurch überwiegend Englisch und ich bin mir nicht sicher inwiefern das weiteren Fortschritten im Chinesischen entgegensteht. Klar ist aber: Dieses Semester ist kein Intensivsprachkurs, sondern eher ein reguläres halbes Jahr Uni mit der 10-fachen Menge an Chinesischunterrichtsstunden. Dem Englischen werde ich nicht entfliehen können.

A propros entfliehen. Nachdem mir klar geworden ist, dass mein Sprachkurs ein hohes Arbeitspensum verspricht (schließlich haben die anderen Kursteilnehmer keine anderen Fächer) und die meisten Wochenenden bis Weihnachten bereits mit Tagesexkursionen zu historischen Stätten in Beijings Umgebung oder Umweltrelevanten Anlagen verplant sind, habe ich die Flucht nach vorne ergriffen und meine freie Woche im Oktober geplant sowie das letzte Wochenende am Meer verbracht.

Im Oktober, bzw. in ca. Zwei Wochen, werde ich nach 26-Stündiger Zugfahrt hoffentlich in Chengdu angekommen sein. Problematisch an diesem Plan ist weniger, dass nur noch sogenannte „Hard-sleeper“ Tickets in 3-Etagenbett Abteilen zu erwerben waren, sondern, dass zu diesem Zeitpunkt GANZ China Ferien hat und durch die Gegend reist. „I’m expecting to be part of the madness“ ist alles was ich meinem amerikanischen Zimmernachbarn erwidern kann, den es für diese Woche auf eine kleine thailändische Insel verschlägt. In der Tat, nach einigen Reisen in China bin ich doch nie aus den Metropolen herausgekommen, ich bin gespannt wie es im Herzen des Landes zugeht. Begleitet werde ich dabei von Mei aus NewYork mit der ich letztes Wochenende schon mal „probeweise“ einen Ausflug nach Qingdao unternommen habe. Wir sind zugegebenermaßen eher eine Zufallsgemeinschaft, da unsere werten Mitschüler alle das Land verlassen wollen um auf Südseeinseln in der Hängematte zu baumeln. Mei kann aber nicht nur fließend Mandarin, was unsere Reise deutlich erleichtern sollte, sondern ist überaus wissbegierig und diesen Samstag haben wir uns die ehemals deutsche Kolonie Qingdao marathonmäßig erlaufen.

Qingdao liegt nur fünfeinhalb Stunden von Beijing entfernt, wenn man – wie wir – mit einem Zug fährt, der mit durchschnittlich weit über 200kmh durch das Land braust. Die „Bullet-trains“ stehen unseren deutschen ICEs in wenig nach und sind dabei noch ein gutes Stück breiter. So entsteht ein Flugzeuggefühl, was besonders durch die vielen Stewardessen und Essensausgaben bestätigt wird. Mei und ich konnten außerdem nur die teuren Businessclass sitze ergattern, gegen die die erste Klasse im ICE wie die Holzklasse der Marke Bimmelbahn aussieht. 11% Wachstum, das sieht man mit jedem Blick aus dem Fenster auf dem Weg nach Qingdao während mich der hochmoderne Zug durch das Land schießt: Überall wird gebaut und gearbeitet. Auf dem Land, in der Stadt. Es ist schon verblüffend wie schnell so ein wirtschaftlicher Prozess ins Rollen kommen kann, auch wenn es in China manches, wenn nicht alles, mitreißt, was sich der Entwicklung in den Weg stellt: Unser Zug passierte bzw. überflog manch einen pechschwarzen Fluss.

Die Stadt formerly known as Tsingtao ist ein nettes kleines Städtchen mit nur wenigen Millionen Einwohnern. Ein Besuch lohnt sich und Strände, Brauereien und ein reiches Kolonialerbe möchten besucht werden. Mir hat vor allem gefallen, dass Qingdao im Stadtkern die alten Straßenverläufe beibehalten hat und so zeitweilig ein sehr europäischer Eindruck entstand. Schön war auch, dass sich unsere Jugendherberge in einem etwas heruntergekommen Stadtteil mit vielen Märkten und Garküchen befand. Hier in Beijing zwischen Campus und New Economy vergesse ich bisweilen völlig, dass dieses Land eigentlich ganz anders ist. Vielleicht ist das der Grund für meine Odyssee mit Ansage während der baldigen Ferienwoche in Chengdu und Umgebung.

Ein paar Vokabeln wollen heute noch gelernt werden und dieser Tagebucheintrag neigt sich gen Ende. Mein Sprachkurs stellt sich aber als etwas über meinen Möglichkeiten heraus. Allerdings habe ich auch keine Lust auf Anfängergehampel. Fraglich bleibt, wie lange ich in meinem jetzigen Kurs mit eifrigen Koreanern und hyperaktiv- bis verhaltensgestörten Japanern noch durchhalte. Derweil beiße ich in meinen dritten Mondkuchen und wünsche allen ein frohes „Mid-Autumn Festival“ – was immer das bedeuten mag.





Die Wahrheit liegt auf dem Platz

14 09 2007

Mein neuer Regenschirm ist der Retter des Tages, denn das Wetter ist äußerst ungemütlich geworden. Nebenbei haben wir heute drei kleine Klausuren geschrieben. Zunächst gab es den großen Einstufungstest für alle ausländischen Studierenden, der wirklich sehr schwer war. (Damit die vielen Sinologen zeigen können was sie bisher gelernt haben) Ich konnte nach den ersten 10 Fragen eigentlich nur noch raten.
Daraufhin gab es noch einen weiteren Sprachtest, von der amerikanischen Uni, auf den ich mich wenigstens vorbereiten konnte. Zum Abschluss habe ich ein paar Seiten zu Konfuzius und Seinesgleichen aufs Papier gebracht.
Schade, dass es ausgerechnet jetzt regnet. Die ganze Woche gab es so viel zu tun, dass ich den Campus fast nicht verlassen habe. Diesen Mittwoch habe ich ein Referat zum Bildungssystem in China (auf Englisch natürlich) halten müssen und so läppert sich die Zeit vor dem Schreibtisch. Großartigen Ausgleich bietet aber glücklicherweise der Basketballplatz. Es ist wirklich nett, wieder zu zocken. Die Chinesen treffen aus jeder Position den Korb, aber wuseln sonst recht unorganisiert umeinander herum.
Bislang ist der Basketballplatz auch der einzige Ort, um Chinesen kennen zu lernen, die nicht nur darauf aus sind ihr Englisch zu verbessern. (Das ist natürlich ein ehrbares Vorhaben, aber auf Dauer etwas einseitig) Also habe ich mir ein schönes Paar „Jordans“ zugelegt, nicht zuletzt weil meine Schuhgröße hier meist im Regal liegen bleibt und dann reduziert wird. Tja, nun regnet es und die Schuhe bleiben unbenutzt, immerhin komme ich so dazu diesen bl*g zu bewirtschaften.





Im Gleichschritt in die Mensa

4 09 2007

Die Militärübungen dauern an und der halbe Campus marschiert im Gleichschritt. Vor dem Mittagessen reihen sich die Hundertschaften dann vor der Mensa auf und singen. Wir Studenten in zivil rennen daraufhin noch flugs zu der Essensausgabe, denn gegen die hungrigen Soldatenmäuler ist nicht anzukommen. (Spätestens vor der Theke ist die militärische Disziplin vergessen und alle Welt drängelt ohne Rücksicht.)

Der Sprachkurs macht einen guten Eindruck und die Lehrerin hat heute gleich einen unangekündigten Test über alle Vokabeln der gestrigen Stunde schreiben lassen. Zu nächster Woche sollen wir außerdem ein Gedicht auswendig lernen.

Fraglich ist übrigens wie lange ich diesen Blog betreuen kann. Die chinesische Regierung zensiert fast alle gängigen Blog-Anbieter. D.h. dann erscheint der gute alte „Seiten-Ladefehler“. Vielleicht sollte ich ab jetzt eh besser nur noch „Bl*g“ schreiben, um die staatlichen Suchmaschinen zu hintergehen. „Big Comrade is Watching You“, so scheint es.





Wochenende

1 09 2007

Zurück von einer zweiwöchigen Rundreise: Die Terrakotta Krieger habe ich besichtigt, Shanghai bestaunt und einen Haufen Essays sowie zwei Klausuren geschrieben. Leider war die Reise völlig überhastet und der größte Teil der anderen Studenten reichlich desinteressiert. Zum Glück kannte ich die meisten Orte schon, sonst wäre ich wahrscheinlich unzufrieden gewesen. In nur 45 Minuten durch die Verbotene Stadt zu rennen ist wirklich pure Ignoranz.
Immerhin kenne ich die chinesische Clublandschaft jetzt ganz gut, denn feiern konnten meine Mitreisenden ausgezeichnet.

Zum Glück sind die sieben Mitstudenten hier in Peking ganz in Ordnung. Die unerträglichen Jungs und Mädels der Rundreise kamen alle aus dem Hongkong Programm der amerikanischen Universität, die meinen Aufenthalt hier organisiert hat.

Hier auf dem Campus ist heute Kriegszustand. Denn die neuen Studenten haben ihre Militärübungen und marschieren stundenlang in kleinen Gruppen und uniformiert durch die Gegend. Alle fünf Minuten schreien sie „1,2,3,4“ aus voller Kehle und marschieren weiter.

Sonst ist dieses Wochenende ganz ruhig. Die Sprachkurse beginnen Montag und ich versuche bis dahin eine Erkältung loszuwerden und verzehre zu diesem Zweck täglich zwei eierförmige, rote, bitterschmeckende und kaugummiartige Kugeln, die angeblich das Nonplusultra der traditionellen chinesischen Medizin darstellen sollen. Nebenbei läuft bei mir die ganze Zeit der Fernseher, da es hier einen öffentlichen Sender gibt der rund um die Uhr nur Klassik und Jazzmusik ausstrahlt. Ein entspanntes Wochenende also.

Jetzt radel ich gleich zum Abendessen in eine der überfüllten Mensen. Dafür kostet das Menü auch nur einen Euro.





hola!

19 08 2007

Hallo liebe Leser!
Aus dem 10. Stock des 23. Gebäudes des Studentenwohnheims sende ich euch ein freundliches „ni hao“! Ja, ich bin in Peking und da ich selten schreibe, dürfte dies für den ein oder anderen eine Neuigkeit sein. Hier werde ich die nächsten fünf Monate zubringen und versuchen „hanyu“, also Chinesisch, zu lernen.
Nach kurzem Aufenthalt in „duty free“-Dubai, wurde ich von einer Betreuerin der Uni am Flughafen von Peking abgeholt und zur wunderschönen „Tsinghua“-Universität gefahren.
Wunderschön ist sie wirklich, denn Parkanlagen, Teiche und Seen bilden einen großen Teil des Campus. Die Gebäude sind zum großen Teil sehr stilvoll, nach dem Opiumkrieg von amerikanischen Architekten erbaut, und werden von unzähligen Wohnheimen umringt, da über 30.000 Studenten direkt auf dem Campus wohnen. Fast die Hälfte von ihnen sind übrigens Graduierte, was die Studentenschaft im Schnitt etwas älter werden lässt.
Mein erster Blick auf das Unigelände, vom Auto aus, fiel allerdings auf die zahllosen, (es müssen mindestens 40 sein) gut besuchten Basketballplätze. Fußball und Tennisplätze gibt es ebenfalls in ausreichender Menge.
Besonders leer ist der Campus eigentlich nicht, obwohl noch Ferien sind. Allerdings wurde ich schon vorgewarnt, dass es noch sehr voll werden soll, wenn das Semester beginnt.
Momentan sind aber wohl überwiegend Touristen zu sehen, denn, so habe ich erfahren, es ist der Traum der chinesischen Eltern mal ihr Kind auf diese Uni zu schicken zu können. Immerhin ist „Hydrologe“ Hu Jintao und sein halbes Komitee hier ausgebildet worden. Dementsprechend sind die hiesigen Studenten alle „hen nuli“ (strebsam) und sowieso echte Arbeitstiere. Gestern wurde ich an drei freundliche chinesische Studenten vermittelt, die mir halfen mich zurecht zu finden und einen Mensa- und Bibliotheksausweis zu besorgen. Die Drei studieren Raumfahrtmechanik, Automatisierung und Physik, da blieb als Gesprächsthema nur der Fußball. Ganz im Gegensatz zur Normalbevölkerung können die Studenten dann doch alle sehr gut Englisch. Das ist natürlich etwas hinderlich für den Lernerfolg, aber so wird immerhin möglich, dass man erfährt was die chinesischen Jugendlichen so denken.
Zu meiner Gruppe hier gehören noch acht weitere Studenten von amerikanischen Universitäten, wobei nur zwei nicht asiatischer Abstammung sind.
Bis jetzt macht die Gruppe einen guten Eindruck und der erste gemeinsame Ausflug zu Wal-Mart war ein voller Erfolg.
Ein neues Fahrrad kann ich zudem mein eigen nennen und, mit einem neuen Lenker-Korb ausgestattet, radelt es sich bestens durch die Gegend und eignet sich zum transportieren von Einkäufe und Wäsche.
Mein Zimmer ist klein, aber mit eigenem Bad und Blick ins Grüne (!). Mein Internetanschluss funktioniert noch nicht, aber so langsam richte ich mich ein und habe schon eine neue Lampe gekauft, damit es etwas gemütlicher in dem sonst sehr kahlen Raum wird. Dennoch sollte ich mich nicht beklagen, die chinesischen Studenten bewohnen alle zu viert ein Zimmer. Oder doch? – Als ich den drei gestrigen Studenten von meinem Einzelzimmer erzählte, meinten sie, dass ihnen Einzelzimmer auf Dauer zu einsam seien. Man wolle sich doch immer (!) unterhalten können und zum lernen gehe man ja eh in die Bibliothek. Ob sie das ernst meinten sei dahingestellt, aber witzig wird es noch mit den wuseligen Studenten hier.
Morgen beginnt dann eine zweiwöchige Exkursion durch verschiedene Städte. U.a. nach Xi an und Shang hai. Es wurden zwei anstrengende Wochen angekündigt mit „lectures“ jeweils vor Ort und zwei Abschlussklausuren. Danach melde ich mich dann wieder.
Bis dahin! Paul