Wusstet ihr, dass McDonalds bei der Eröffnung seines ersten Ladens in Beijing 60.000 Kunden hatte? – An einem Tag!
Außerdem mögen die meisten Chinesen gar keine Burger, sondern schätzen die annehme Atmosphäre der Fastfoodketten. Besonders Frauen frequentieren KFC und dergleichen, da es in traditionellen Restaurants weniger akzeptiert ist ohne männliche Begleitung zu speisen.
- Hier lacht der Konstruktivist: In China ist McDonalds ein Symbol für Muße und Privatsphäre, ein romantisches Fleckchen, dass seine Gäste fühlen lässt, Teil der globalisierten Welt zu sein. Wegen letzterer Punkte besonders beliebt bei der neuen Mittelklasse und Touristen vom Land.
Dieser kleine „Teaser“ zu Beginn dieses Blogeintrags ist Teil meines morgigen Referats zur Fastfoodkultur in Beijing. Ihr seht also, ich beschäftige mich hier mit den ganz großen Fragen der Gegenwart.
Seit meinem letzten Eintrag sind nicht nur fast alle Blätter von den Bäumen gefallen, sondern es ist auch mehr als mein halbes Semester verstrichen und es gibt dementsprechend einiges zu berichten.
Anfang Oktober hatte ganz China eine Woche Ferien. Dieser Satz klingt harmlos ist aber Ausdruck der größten Völkerwanderung seit Menschengedenken – und ich mittendrin. Mit einer Mitstudentin habe ich ein paar Tage vor Ferienbeginn eine geführte Rundreise durch die Provinz „Sichuan“ gebucht. Sichuan ist im Herzen Chinas und ich hatte mich dafür entschieden weil ich a) dachte, dass dort vielleicht nicht so viele Touristen hinwollen und b) weil ich bisher fast ausschließlich die Küstenmetropolen kennen lernen konnte und mal die weniger entwickelten Teile besuchen wollte.
Nach fast 40 Stunden Zugfahrt und anschließenden 11 Stunden im Bus standen wir also vor unserem Ziel. Am Eingang zum „jiu.zhai gou“ Nationalpark. Allerdings „standen“ wir zunächst wirklich mehr als alles andere, da mit uns so viele Menschen den Park besuchten, dass alle Wanderpfade Warteschlangen glichen. Im Laufe des Tages verteilten sich die Massen und gelegentlich stellte sich für einige Sekunden so etwas wie ein Naturerlebnis ein, aber den langen Anfahrtsweg mit eingerechnet war ich doch etwas enttäuscht.
Daher blieb mir nichts anderes übrig als meine Aufmerksamkeit auf die zwischenmenschliche Seite dieser Reise zu richten.
Mit Mitreisenden im Bus ließen sich ein drei Gruppen einteilen. Firma A und ihre Angestellten, Firma B und ihre Angestellten, sowie die Ausländer in Form von vier Japanischen Mädels und uns. Gleich zu Beginn gab es eine Vorstellungsrunde über das Mikrophon. (Nicht das ich dabei besonders viel verstanden hätte) Interessant ist dabei vor allem, das jeweils eine Firma eine Angestellte nach vorne schickte um anschließend, sich immerwährend wiederholend, ca. 45 Minuten über die Geschichte und Vorzüge ihrer Firma zu reden. Als krönenden Abschluss öffneten sie dann einen Koffer mit verschiedenen Produkten (Metallbecher und Zahnbürsten), die man natürlich jederzeit von ihr kaufen könne. Währenddessen fährt der Bus die Serpentinen der Himalaya-Ausläufer hinauf und die Frau neben mir kotzt seit Stunden in ihre Tüte. Anschließend läuft pseudo-tibetanische Karaoke und der Busfahrer hat entweder Liebeskummer oder derartiges Gottvertrauen, dass er selbstmörderisch über alle Spuren in die nächste Serpentine einbiegt. Vorbeiziehenden Einheimischen, die in riesigen Bastkörben auf dem Rücken, tibetanisch gekleidet, ihre Ernte durch das Abendrot nach Hause tragen, bleibt oft nur der rettende Sprung in den Graben. Der Busfahrer jauchzt vor Vergnügen. Ich komme mir vor wie in einem psychedelischen Musikvideo.
Aber, man gewöhnt sich ja an alles. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten hatte ich die Gruppe tatsächlich in mein Herz geschlossen und gemerkt, dass die chinesischen Arbeitertouristen im Bus mich zunächst alle etwas ängstlich-schüchtern behandelt haben und es an mir lag, auf sie zuzugehen. (Schließlich war ich die einzige Langnase im Bus)
In Beijing mag ich mittlerweile schon etwas kommunizieren können, aber mit anderen regionalen Dialekten kann ich bisweilen noch nichts anfangen. Als Eisbrecher fungierte dann mein Hausaufgabenheft: Während ich chinesische Schriftzeichen übte, stand in den nächsten Tagen eine kleine Menschentraube hinter mir, die anerkennend jedes Zeichen kommentierte, vorlas, oder berichtigte. Mir kam es gelegen, weil es mich motivierte fleißig zu sein und den Chinesen entsprach es ebenfalls, da sie von Natur aus gerne glotzen.
In der Tat, hat hier keiner das Bedürfnis seine Neugier, oder sein Interesse zu verstecken. Ein Beispiel: In Beijing am Bahnhof hatte ich eine Dose teuren Eiskaffe gekauft und im Zug kam es mehrfach vor, dass vorbeigehende Passanten, sogar der Schaffner, ohne Vorwarnung meine offene Dose ergriffen und sie ein paar Sekunden ausführlich studierten um sie dann billigend nickend wieder auf meinen Tisch im Gang zu stellen.
Im Weiteren erwies sich die Reise aber noch als durchaus genießbar. Die Gebirgslandschaften waren wunderschön und gegen Ende der Woche bewegten sich die ersten Millionen in Richtung Heimat und die Attraktionen waren etwas besser zu erreichen.
An der Uni ist mittlerweile eine gewisse Routine eingetreten. Der Sprachkurs ist weiterhin viel Arbeit, aber ich fühle mich nicht mehr so verloren wie zu Semesteranfang. Letzte Woche waren Midterms und ich glaube ich habe es einigermaßen bewältigen können.
Echte chinesische Freunde habe ich allerdings immer noch nicht. Allerdings haben die Studenten hier eh kaum Privatleben, was sie mit mir Teilen könnten. Der durchschnittliche chinesische Student ist eben doch ziemlich anders als alle anderen Ausländer mit denen ich hier zu tun habe: Letzten Freitag hat ein Amerikaner in seiner Wohnung eine Party gefeiert. Leider hatte er vergessen seinen Gästen eine Uhrzeit mitzuteilen. Als ich (bewusst früh) um halb zehn an seiner Wohnungstür klopfte, machten sich gerade die letzten Chinesen auf den Weg nach Hause. Anschließend saß ich eine Stunde mit dem Hausherrn und einem Italiener zwischen halbvollen Popkornschüsseln und Bierkisten. Ab halb zwölf füllte sich die Wohnung dann erneut, denn die Austauschstudenten trudelten langsam ein. Ich denke wir sind hier das, was der deutsche konservative Volksmund eine „Parallelgesellschaft“ nennt.
Übrigens, die Nachbarn von Ben dem Gastgeber revanchierten sich auf ihre Art für die nächtliche Ruhestörung. Am nächsten Tag, blieben Heizung und Elektrizität aus.
Chinesen sind auch gerne sehr direkt. Sie fragen nach meinem monatlichen Einkommen und derlei privaten Dingen. Komischerweise war allerdings bisher erst ein Chinese selber bereit mir sein eigenes Einkommen zu nennen: In Sichuan fragte ich einen alten Mann der auf dem Rücken 80 Kilo Nudelsuppen und Erfrischungsgetränke auf eine Almhütte transportierte. Für 1000 Höhenmeter bekam er 20 Yuan bzw. 2 Euro. Auch die chinesischen Touristen konnten darüber nur den Kopf schütteln, denn Einkommenstungleichheiten sind in China mittlerweile größer als in den Vereinigten Staaten. Allerdings fehlt dabei das chinesische Äquivalent zum „amerikanischen Traum“, das diesen Zustand entschuldbar machen könnte. Die kommunistische Partei kann es sich momentan eigentlich nur mit allen verderben, ich beneide sie nicht um ihren Job.
Weitere Neuigkeiten nun im zusammengefasst im Zeitraffer: Viel Stress, aber Lernkurve merklich. Wenig Entspannung, aber gelegentliche tiefe Gespräche mit meinem Zimmernachbarn, der klügste amerikanische Konservative, den ich bisher getroffen habe. Seit ein paar Tagen eine neue Brille, weil ich meine andere kaputtgesessen habe. Nun schwarzer Rand, sehe aus wie ein Webdesigner. Insgesamt das Gefühl alles zu schnell vorbei hier. Mittlerweile, ein bisschen den Plan, nach dem BA ein Jahr in China zu arbeiten, wenn ich etwas interessantes finde. Wer weiss…